Timorasso ist Timorasso und kommt aus Marca Obertenga

Ein Interview von Katrin Walter mit Walter Massa, dem Timorasso-König

Walter Massa, der Timorasso-König, immer streitbar und weitsichtigViele titulierten ihn Mitte der 90er Jahre als Verrückten aber er hat 15 weitere Winzer überzeugt, das gleiche zu tun. Heute spricht man schon eher von einer gesunden Verrücktheit, denn von dem, was er geschafft hat, profitiert der gesamte Landkreis Alessandria im Piemont. Walter Massa, der Mann, der den Colli Tortonesi mit der Timorasso-Rebe und seinen Ideen zu einer neuen Identität verholfen hat.

Gespräch mit Walter Massa, Weinbauer und Önologe von Katrin Walter vom 5. Juli 2006 in Monleale, Firmensitz der Vigneti Massa und Wohnort von Walter Massa. Ursprünglich erschien das Interview auf Wein-Plus, ging jedoch durch den Relaunch verloren, darum biete ich, Katrin Walter (KW) es euch hier noch einmal an.

Es handelt sich um ein sehr langes Gespräch, das tiefe Einblicke in die Ursprünge und die Ideen, die zum heutigen „Timorasso-Boom“ führten, gibt.

KW: Wieso sprechen alle immer nur von Walter Massa, wenn es um Timorasso geht?

Massa: Weil ich der erste war, der an ihn geglaubt hat und vor allem habe ich diese Rebsorte mit dem Territorium verbunden und sie damit in die „gute Stube“ der Önologie eingeführt. Vorher war das Tortoneser Gebiet überhaupt nicht als Weinland bekannt. Wir haben über 2.000 ha Rebflächen, vor allem Barbera. Heute werden die Flächen für den Timorasso ausgeweitet, wir wachsen sowohl qualitativ als auch quantitativ. Im Moment sind wir bei zirka 50 Hektar für die Colli Tortonesi Bianco DOC. (Anmerkung KW: Alle nicht aromatischen, weißen Sorten, die im Landkreis Alessandria autorisiert oder empfohlen sind)

Wie alles begann

KW: Wann haben Sie das erste Mal den Timorasso-Wein erzeugt?

Massa: Ich habe 1987 angefangen den Timorasso von ca. 9,5 Doppelzentnern zu keltern, von denen ich weniger als 600 Flaschen abfüllte. Die Trauben kamen von vereinzelt stehenden Pflanzen in einem alten Weinberg von mir. Dann, als ich verstanden hatte, das diese Sorte Qualität gab, habe ich fast einen Hektar der Lage „Costa del Vento“ dazu gepflanzt. Das war im Jahr 1990. Danach habe ich erst einmal aufgehört. Als ich dann sicher war, dass der Timorasso nicht nur ein Vehikel war, um etwas über unsere Zone zu plaudern, sondern einen wirtschaftlichen Faktor darstellte, nicht nur für unser Gebiet, sondern für das Piemont insgesamt, habe ich in wenigen Jahren auf die aktuellen 7 Hektar aufgestockt, von den gesamt 20 Hektar meines Unternehmens.

KW: Aber das ist doch eine autochthone Sorte mit tiefen Wurzeln in der Region?

Massa: Zu Beginn des vorletzten Jahrhunderts war der Timorasso sicherlich die wichtigste Rebsorte, denn man sprach damals von 23.000 Hektolitern Wein. Wenn man diese Menge auf Flaschen abgefüllt hätte, wären dabei zirka 3 bis 4 Millionen Flaschen herausgekommen. Der Wein wurde jedoch komplett offen und ins Ausland verkauft, in die Schweiz und nach Deutschland, ohne dass die Konsumenten je erfahren hätten, um welchen Wein oder welche Herkunft es sich dabei handelte. Dann kam die Reblaus, der zweite Weltkrieg, die Landflucht und niemand hatte mehr danach gefragt, denn damals wollte der Markt Rotwein. So haben unsere Großväter an den Roten geglaubt und Barbera gepflanzt. Und der Timorasso ist auf Liebhaberniveau zurückgefallen.

Dann ist die Epoche des Weißweinmarktes in Italien angekommen. Ich spreche von den 70er Jahren. Das Piemont und die Tortoneser Gegend haben darauf mit Cortese geantwortet, da Gavi immer schon und nur Cortese angebaut hat. In Tortona, das sehr sehr nah zu Gavi liegt – wir sind praktisch Cousins, um nicht zu sagen Brüder – haben wir es darum auch mit ihm versucht. Ich selbst habe ebenfalls Cortese angepflanzt aber nie wirklich Freude an ihm gehabt. Es mag sein, dass ich nicht in der Lage bin, ihn zu keltern, oder mein Mikroklima hier in Monleale ist nicht das richtige. Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall habe ich nie eine Flasche Cortese hinbekommen, die mir Befriedigung verschafft hätte.

Ich stand an einem Scheideweg. Ich wollte Weinbauer sein und ich glaubte an das Potenzial von Weißwein im Gebiet von Tortona so stark, dass ich mich fast verzweifelt dem Timorasso zuwandte. Ich bin dann aber mit viel Ruhe an die Sache heran gegangen, vor allem auch, weil mich niemand störte. Es gab keine industriell arbeitenden Unternehmen, die Unheil anstellten, das ich irgendwie auffangen musste. Es gab keinen Zwang, sofort auf den Markt zu gehen, weil ich Geld brauchte. So habe ich mir Zeit gelassen und die kritischen Punkte im Weinberg, im Weinkeller aber auch in der Kommunikation studiert.

KW: Wie ging das genau vonstatten?

Massa: Man kann von drei Phasen sprechen. Die erste, etwas naivere „Schürfphase“, in der ich einen guten Wein machen wollte, ohne den Önologen zu spielen, ohne irgendwelche Zusätze. Ich wollte einfach nur einen guten Wein machen. Wenn er es wert wahr, war ich bereit zu investieren. Er war es wert und ich investierte. Das war die zweite Phase.

Zuerst habe ich ihn wie jeden anderen Weißwein ausgebaut. In der dritten Phase, dem Verfeinerungsprozess, bin ich in späteren Jahren zu einer leichten Maischegärung gekommen, ohne bei der Kelter zu schwefeln. Diese Methode nutze ich bereits seit 1995. Nur 2002 habe ich es nicht getan, einem schlechten Jahrgang. Das Lesegut war wirklich häßlich und so machte die Maischegärung keinen Sinn.

Darüber hinaus nutze ich die edlen Gärhefen als Anti-Oxidationsmittel. Dieses Modell der Weinbereitung hat sich bei allen durchgesetzt, die an den Timorasso glauben. Einige sind mir nicht gefolgt, aber auch gut, denn so haben wir ein breites Experimentierfeld. Wichtig ist, dass der Timorasso heute als ein Weißwein mit Struktur und großer Langlebigkeit anerkannt ist. Und er ist anerkannt beim Kunden, bei der Gastronomie und anerkannt bei der Kritik.

KW: In Italien. Und wie sieht im Ausland aus?

Massa: Auch im Ausland. Z. B. war ich schon 1999 mit meinem 95er in London. Sicher, kennt man ihn im Ausland weniger. Aber wir arbeiten ja daran. Wir sind der Meinung, dass der Markt zirka 1 Million Flaschen aufnehmen kann.

KW: Wieviel Flaschen produzieren Sie durchschnittlich pro Jahr?

Massa: Seit letztem Jahr produziere ich 20.000 Flaschen, einerseits als Vigna Massa anderseits für Franco Martinetti (Martini). Er nimmt meine Trauben und ich befolge einfach seine Produktionsregeln. Das Produkt wird dann bei ihm abgefüllt und ist auf dem Markt als einer der wichtigsten Timorassi.

Die Entwicklung der Produktionsrichtlinien

KW: Kann man sagen, dass das Konsortium Obertengo Ihre Initiative aufgegriffen hat und daraus die Produktionsregeln für den Timorasso entwickelte oder existierten diese schon?

Massa: Nein, sie existierten nicht. Praktisch habe ich sie geschrieben. Also wir haben sie dann zusammen ausgearbeitet, um ein Minimum des Reifeprozesses festzulegen. Und, eine wichtige Sache, wir haben uns auch zum Ziel gesetzt, 17 g/l Trockenextrakt fest zu schreiben. Das ist, glaube ich, ein einzigartiger Fall in Italien. Bedenken wir, dass das Minimum, um den Namen „Wein“ tragen zu können, für einen Rotwein bei 18 g/l liegt und bei roten DOC-Weinen kann das 22 oder 24 g/l sein, das hängt vom Wein ab. Bei Weißwein ist das Minimum 15 g/l und alle DOC, auch die wichtigeren haben diese 15 beibehalten, z. B. der Bianco del Collio hat nur 15 g/l Trockenextrakt, die Weißen von Irpinia haben 15, Gavi hat 15. Wir, hingegen, wollten vermitteln, dass der Timorasso ein Wein mit reicherer Struktur und mehr Stoff ist.

KW: Braucht man dazu eine späte Lese?

Massa: So spät wird gar nicht geerntet. Sicher, wir versuchen reife Trauben einzufahren, das ohne Zweifel. Aber für das Extrakt ist auch die genetische Disposition der Rebe verantwortlich und vor allem eine ausgeglichene Ernte. Der Timorasso ist sehr gönnerhaft, er produziert und produziert, aber am Ende machen wir nicht mehr als zwei Flaschen pro Rebe. Das bedeutet, dass wir drei- bis viermal im Weinberg eingreifen. In diesem Jahr war ich schon zweimal zum Ausdünnen drin, einmal im Grünen und dann habe ich alle Austriebe unterhalb der Hauptsprossen entfernt. Dann gehen wir noch einmal zu Beginn der Beerenreifung rein, reduzieren die Menge und erhalten einen Wein, der auf „eigenen Beinen steht“.

KW: Die Produktionsrichtlinien lassen aber viel Spielraum. Die Vorschriften sind sehr niedrig angesetzt. Man kann den Wein schon nach einem Jahr verkaufen, auch wenn zum Genuss erst nach 3 Jahren geraten werden, wegen der Aromenvielfalt, die er dann entwickelt.

Massa: Ja, der Wein wird auf jeden Fall komplexer. Zur Haltbarkeit haben wir auch keine Zweifel mehr. Wir sind sicher, dass er mit der Reife immer besser wird. Wir wollen mit einem Produkt herauskommen, dass für den Konsumenten wiedererkennbar ist. Das ist besonders wichtig, da der Wein etwas teurer ist. Wir dürfen den Verbraucher nicht enttäuschen. Das heißt, wir müssen in der Produktion rigoros vorgehen. Wir sind alles landwirtschaftliche Betriebe und bis heute gab es da keine großen Probleme. Ich denke, dass das Produkt vom Markt noch nicht komplett verstanden wurde, doch gelingt es uns stufenweise unsere Ideen durchzusetzen und den Wein bekannt zu machen, ohne Methoden anzuwenden, die für den Qualitätslandbau ungewöhnlich wären.

KW: Somit ist die Rolle des Konsortiums Obertengo wohl eine, die sich andere Konsortien nur erträumen: Soviel Einigkeit. Sie treffen sich, um gemeinsam das Produkt jeden Mitgliedes in den verschiedenen Entwicklungsstadien zu verkosten.

Die Entstehung des Wir-Gefühls

Massa: Ja, … oder fangen wir anders an. Mir gefällt es, anderen in der Praxis das zu belegen, was ich theoretisch darlege, besonders wenn man ein bestimmtes Ausgangsmaterial einsetzt. Meine Kollegen hatten Angst, das zu tun, was ich Ihnen sagte, denn ich war sozusagen etwas revolutionär: nicht schwefeln, nicht umfüllen. So haben wir uns regelmäßig getroffen, um das zu kontrollieren, was jeder im Keller hatte, damit alle Erzeuger, die keine Erfahrung zum Thema vorweisen konnten, ihre Weine mit meinen vergleichen konnten und sehen, dass er ähnlich wie meiner war und beruhigt sein.

Also, wir sind einen gemeinsamen Weg gegangen ohne etwas dem Zufall zu überlassen, auch weil es sich um wenig Hektoliter handelte, die allerdings wirtschaftlich wichtig für den Betrieb und das Territorium waren und heute immer mehr sind.

Das Verhältnis zwischen Barbera und Timorasso war damals 100 zu 1, aber es war sehr wichtig, vor allem auch für mich, dass mehr Etiketten auf den Markt kamen, der Markt größer wurde und man an Glaubwürdigkeit gewann. Denn wenn es nur zwei Timorassi gäbe, hätten das zwei schöne Panschereien sein können von zwei Erzeugern, die sich untereinander abgesprochen hätten und die Welt auf den Arm nahmen: Vielleicht hätten sie etwas Cortese dazugeben und viel Chardonnay, etwas Falanghina, Catarratto oder was weiss ich, Viognier und sie hätten ein gefälliges Produkt gemacht. Wenn es aber 15 Produkte gibt, vielleicht verschieden, doch von gemeinsamen Ursprung, erreichen wir verständlicherweise mehr Glaubwürdigkeit.

KW: In der Tat, ist das ein erfreuliches Vorgehen auch aus Sicht des Verbrauches. Es ergibt sich eine Wiedererkennbarkeit, die sich so leicht nicht in anderen Territorien und bei anderen Weinen in Italien findet. Am Ende ist es ein Vorteil für alle.

Massa: Aber die Welt des Weines ist auch immer ein Feld für Schlitzohren, denn ein wirklich guter Wein ist natürlich ein Objekt der Begierde. Doch am Ende, wer den Schlauberger mimt, endet am Kreuz, auch Jesus ist das passiert, als er in Kana Wasser in Wein verwandelte. Also am Ende haben die Lügen kurze Beine. Wir müssen verstehen, das der Weg einer sein muss. Wir dürfen nicht mit Fahrädern, Zügen, Last- und Personenkraftwagen auf der selben Strecke fahren. Jedes Fahrzeug braucht seine eigene Spur, die Gleise für die Züge u.s.w.

Wir sind Bauern, wir gehen seriös und respektvoll mit dem um, was uns die Natur zur Verfügung stellt. Wir wollen keine Önologen. Wenn die Trauben reif sind, erübrigen sie sich. Die Natur übernimmt diese Rolle ohne große Probleme. Der beste „Önologe“ ist der Mensch, der in den Weinberg geht. Wenn ich dann ein wenig Dünger in den Weinberg schütte, weil den Pflanzen was fehlt, was soll’s. Auch wenn mir Kalzium fehlt, nehme ich eine Tablette auf Kalziumbasis oder ich habe Probleme mit dem Blut, dann nehme ich etwas Eisen und genauso werden meine Rebflächen behandelt. Diese Önologen, die von außerhalb kommen … ich kann keinen Weinberg per Fax dirigieren. Ich muss jeden Tag reingehen und im direkten Kontakt sehen, was er heute braucht.

Walter Massa schaut in seinem Timorasso-Weinberg nach dem Rechten und prüft den Zuckergehalt der Beeren. (Foto: Roberto Vaniglia)
Walter Massa schaut in seinem Weinberg nach dem Rechten und prüft den Zuckergehalt der Beeren. (Foto: Roberto Vaniglia)
Walter Massa im Timorasso-Weinberg auf seinem Traktor (Foto: Roberto Vaniglia)
Walter Massa im Weinberg auf seinem Traktor (Foto: Roberto Vaniglia)

KW: Als ich heute hier ankam, waren Sie gerade im Weinberg. Heißt das, Sie führen alle Schritte selbst durch?

Massa: Ja, das ist so. Ich habe auch eine minimale technische Ausbildung, weil …, in Wirklichkeit bin ich auch ein Önologe, jedoch ich habe das gemacht, um die kritischen Punkte zu erkennen, um in einen Dialog zu treten, um Informationen aus dem Weinberg zu ziehen. Um Himmels willen, ich will wissen, was sind Enzyme, wofür sind Enzyme da, warum die Industrie mir Enzyme anbietet. Denn ich könnte Enzyme in der Tüte kaufen, wie auch die Chips, wie Polysaccharide, alles könnte ich kaufen. Aber bei mir entsteht der Wein vor allem im Weinberg.

Auf der anderen Seite, wenn sie mir ein Bein abnehmen, muss ich mir eine Prothese anschaffen, um so gut wie möglich weiter zu leben. Meine Trauben müssen das bekommen, was sie brauchen und ich muss sie verstehen, verstehen und harmonisieren aber ohne schöner und besser sein zu wollen als die anderen. Die Weintrauben sind schön, wenn sie es von allein werden.

Ich koste den Wein schon gar nicht mehr. Ich gehe in den Keller und rieche nur noch daran. Ich lasse die anderen kosten und wenn es Probleme gibt, greife ich natürlich ein, wenn ein Faß stinkt oder anderes, dann greife ich ein aber dann ist es kein großer Wein mehr.

Ein Stück Weinbaugeschichte

KW: Sie haben von Eingriffen gesprochen. Wenn wir noch einmal auf Ihre Regeln im Konsortium zurückkommen, steht dort, dass Sie die Rebflächen des Timorasso niemals bewässern.

Massa: Wir bewässern keine Rebfläche aber das gilt für das gesamte Piemont, denn es ist in der ganzen Region verboten. Aber es ist auch nicht nötig. Wir haben hier ein Kontinentalklima mit etwas Einfluss vom Meer auf Grund der Nähe zu Ligurien, jedoch wir haben nicht das Klima der Toscana, wo Oliven reifen, oder von Sizilien. Wir haben ein kontinentales Klima dass auf kleine Gleichgewichte baut. Das große Gleichgewicht erzeugt man, indem man die richtigen Reben auf dem richtigen Grund anpflanzt, in der richtigen Qualität, mit der richtigen Anordnung der Reben, denn auch die Abstände zwischen den Pflanzen und Reihen zu standardisieren ist falsch. Und es ist nicht gesagt, dass 10.000 Reben pro Hektar besseren Wein abgeben als eine Fläche mit 5.000 pro Hektar. Das ist alles Blödsinn. Das würde ja auch heißen, wer den größeren Kopf hat, wäre intelligenter, wer größer wäre, schlitzohriger. Das stimmt alles nicht.

Ich weiß, dass ich ein Stück der Geschichte des Weinbaus geschrieben habe, wie es auch meine Nachbarn getan haben. Vielleicht bin ich etwas bekannter, ich sitze hier mit einem Mikrofon in der Hand. Aber es bleibt immer nur ein Stück und wenn ich den Revoluzzer spiele, muss ich von Null anfangen aber wenn ich nicht die Erfahrung meiner Vorfahren nutze, bin ich schon erledigt. Es sind 5.000 Jahre, die sich um den Wein und die Reben drehen und ich hatte das Glück, ein Stückchen mit an dieser Geschichte zu schreiben. Ich hoffe, dass dies übermittelt wird und weitergeht.

KW: Also, Sie sind in einer Familie von Weinbauern geboren worden?

Massa: Ja.

KW: Die Familie beschäftigt sich mit dem Weinbau seit …

Massa: Ich bin die vierte Generation einer Winzerfamilie hier aus Monleale. Auch meine Mutter stammt aus einer Winzerfamilie. Ich denke, auch jemand aus anderen Bereichen kann ohne weiteres in die Welt des Weinberge eintauchen aber er sollte dann kein Revolutionär sein. Revolutionen im Weinberg macht man mit Konstanz und besonders dann, wenn man in der Lage ist, Details aufzunehmen, sowohl Veränderungen der Eigenschaften des Weins als auch der Kultivierung. Wenn man z. B. Viognier statt Timorasso hier planzen würde, dann wäre das eine Dummheit. Wenn man aber die Timorasso-Reben nimmt und sie woanders hinsetzt, weil der Standort besser geeignet ist oder man nimmt den Viognier und setzt ihn in die Côtes du Rhône, wenn wir in Frankreich wären, dann ist das sinnvoll.

KW: Und was sind Ihre nächsten sinnvollen Schritte?

Massa: Ich reiße den Cortese, jetzt nach der Ernte, raus. Ich habe noch einen halben Hektar, der dann Timorasso wird. Das mache ich nicht etwa für den Markt. Wenn ich einen überwältigenden Cortese produzieren würde, hätte er sein Daseinsrecht. Das Problem ist, ich habe ein mittelmäßiges Produkt, für dass ich mich auch noch abrackere und Resourcen verschwende und dann habe ich am Ende nicht mal eine Genugtuung. Wichtig ist, das Wesentliche zu verstehen aber ohne zu oberflächlich zu arbeiten, was nur den Journalisten von niedrigem Niveau gefällt.

Meiner Meinung nach liegt die Zukunft der Önologie in den Details, in den Schattierungen, darin, verstehen zu wollen, welcher Unterschied besteht zwischen einem Barbera aus dem Tortoneser Raum und einem aus Asti und nicht im Vorfeld schon von der Vorstellung auszugehen, dass der aus Asti besser ist. Sicherlich ist der Barbera d‘Asti ein großartiges Produkt, wie auch der aus Tortona. Mir gefällt mehr ein Typ, einem anderen gefällt mehr ein anderer aber wir müssen die Details begreifen. Die Erde lesen aber ernsthaft, nicht weil es mir gerade zu Ruhm gereicht oder weil es gerade Mode ist und am Tag darauf gehst du in den Keller und schüttest Pülverchen rein oder es ruft dich ein Önologe an, der dir ein neues Holzfass empfiehlt oder einen Zusatzstoff oder eine neue Verarbeitungsmaschine. Die Maschine für die Weinbereitung ist schon da und es gibt nur eine und sie heisst Sonne und dann braucht man noch den gesunden Menschenverstand.

KW: Ja, dieses Thema ist sehr komplex. Es ist doch immer ein Geben und Nehmen sowohl seitens des Produzenten als auch des Konsumenten. Wer sich auf dem Gebiet weiterbildet, versteht diese Unterschiede und sucht sie auch bewußt, weil er gelangweilt ist vom universellen Einheitsgeschmack, von den Cabernets und Chardonnays dieser Welt. die dann alle mit Holz egalisiert werden.

Ich würde aber gern noch einmal auf Ihre Familie zurückkommen. Sie sprachen es schon an, dass Sie in vierter Generation Winzer sind. Aber wollten Sie das wirklich immer werden?

Massa: Ach, wenn man jung ist, dann hat man glorreiche Träume vom Rennfahrerdasein und Schauspielerleben. Ich muss aber sagen, dass ich immer irgendwie diesen Weg verfolgt habe. Meine Ausbildung ist technischer Natur, also Önologe. Ich bin somit vorbereitet auf die Arbeit im Weinberg und im Weinkeller. Wer die Weichen richtig stellt, kommt auch zu etwas im Leben.

Ich habe natürlich auch Erfahrungen außerhalb des elterlichen Betriebes gemacht. Vor 30 Jahren war die Situation noch nicht gegeben, um sich komplett dem Weinberg und dem Keller hinzugeben. Unser Betrieb umfasste damals Futterpflanzen, Weizen, Ställe, Obstplantagen.

Dann hat mich mein Weg doch in den Betrieb zurückgeführt, nachdem ich schon Erfahrungen gesammelt hatte. Mein Vater hätte es gern gesehen, wenn ich meinen Studienabschluß dafür genutzt hätte, mich außerhalb des Betriebes zu engagieren und zu etablieren. Auf jeden Fall wäre das finanziell sehr erfolgreich gewesen aber weniger befriedigend für mich.

Was einen guten Timorasso auszeichnet

KW: Sprechen wir nun vom Endprodukt. Was muss ein guter Timorasso haben?

Massa: Er muss sehr komplex sein und er muss keine verstärkten Aromen ins Spiel bringen, denn der Timorasso ist keine aromatische Sorte. Aber es muss eine schöne Säure haben, weil er einen weit niedrigeren PH-Wert hat als der Cortese, auch wenn die Gesamtsäure gleich ist. Wir haben also einen niedrigeren PH-Wert und dementsprechend mehr wirkliche Säure und die gibt die Vielschichtigkeit und Größe am Gaumen, du fühlst ihn schön, stark, vertikal, weit aber nicht breit. Dann natürlich muss der Alkoholgehalt stimmen, die Struktur, die den Ausgleich gibt für die Kantigkeit der Säure. Deshalb gibt es bei mir keinen Timorasso, der weniger als 14 Prozent hat. Sogar im schwierigen Jahr 2002 habe ich ihn mit 14 % vol. herausgebracht. 1999 13,99 % vol. In den ersten Jahren hatte ich nur 12,5 bis 13 Volumenprozent aber da produzierte ich mehr Trauben, die Reben waren jünger, ich war jünger und hatte weniger Erfahrung und ich hatte auch weniger „Materie“ zur Verfügung, um mit großen Zielen zu arbeiten.

Der Timorasso zeigt komplexe Töne, die sofort an Honig, an reife Früchte erinnern, hinzu kommt die Mineralität, Feuerstein bis hin zu butterigen und balsamische Noten. Diese Noten erscheinen mit der Reifung, nach 4 bis 5 Jahren in der Flasche. Ich fülle ihn immer zirka ein Jahr nach der Lese ab. Zu diesem Zeitpunkt ist er etwas anonym als Wein. Der Konsument würde sich zu diesem Zeitpunkt fragen, ob denn das schon alles wäre. Darum habe ich mich entschieden, mit ihm immer später auf den Markt zu gehen, also zu investieren in Reifung, in Lagerstrukturen, in Betriebsrisiko, und dass zahlt sich jetzt aus.

Wie ich schon vorher sagte, habe ich die Bedingungen im Weinberg, im Keller und in der Kommunikation verändert. Im Weinberg nehme ich jedes zweite Auge raus, weil der Timorasso zum Faulen neigt. Also das beste Mittel gehen Fäule ist die Belüftung. Das ist wichtiger als irgendwas gegen Botrytis zu geben, den so ein Mittel blockiert eine Krankheit, die bereits ausgebrochen ist, hingegen die Luft vermeidet, das sie überhaupt entsteht. Indem ich für mehr Belüftung sorge, vermeide ich den Einsatz von Antibotrytis-Produkten.

Den Timorasso behandle ich im Weinberg genauso wie den Barbera, also Kupfer, Schwefel und etwas gegen Flavescenza Dorata (goldgelbe Vergilbung).

Im Weinkeller, da die Beeren eine sehr dicke Schale haben, versuche ich so zu gären, dass sie so viel wie möglich an den Most abgeben; ich lasse sie auf ihren eigenen edlen Hefen für ein Jahr liegen. Die Milchsäuregärung startet von selbst, ohne sie zu erzwingen und dann wird der Wein mit viel Respekt abgefüllt, damit meine ich eine leichte Filterung, einige Flaschen mit Mikrofilterung, einige ohne für meinen eigenen Bedarf, etwas Schwefel als Antioxidant auf die Flasche und dann startet die Entwicklung in der Flasche, um die Komplexität zu erreichen.

KW: Dieses Jahr auf den Fermenten ist das eine Besonderheit des Hauses Massa oder verarbeiten auch die anderen Produzenten ihre Timorasso-Trauben in der gleichen Art?

Massa: Es müssten auch die anderen so machen aber …

KW: Heißt das, es ist ein Risiko?

Massa: Diese Prozedur wird auf jeden Fall von fast allen in hermetisch geschlossenen, rostfreien Edelstahltanks durchgeführt, also unter absolutem Abgeschlossenheit von Sauerstoff, ohne die Gefahr einer Oxidation. Dann nutzen wir die antioxidativen Eigenschaften der traubeneigenen Hefen und Bakterien. Ich garantiere für mich aber im großen und ganzen machen es alle so. Und die Ergebnisse, na ja, sie sind entsprechend. Man geht von dem gleichen Grundstoff aus, dem gleichen Territorium und man geht im gleichen Stil vor.

KW: Wie ich höre, gibt es auch Produzenten, die mit Holz experimentieren. Was halten Sie davon?

Massa: Einer von denen ist Martinetti, der es mit meinen Trauben macht, also ich mache es für ihn. So habe ich die Garantie für das Ausgangsmaterial und das Produkt, das ich von Anfang bis Ende betreue, mehr ich als Martinetti. Ich bin nicht vollkommen einverstanden, und das sieht man ja auch daran, dass ich ihn für mich nicht so produziere. Denn wenn ich es für Martinetti mache, könnte ich es auch für mich machen und hätte einen weiteren Wein in meiner Produktlinie. Aber das Produkt, wie ich es habe, befriedigt mich und befriedigt den Verbraucher. Ich bin auch sehr froh, dass Martinetti ihn im Holz ausbaut, weil es auch richtig ist, zu experimentieren, um ausführlichere Daten zu haben und neue Überlegungen anzustellen. Sicherlich ist diese Traube dafür geeignet, bei der Arbeit mit niedrigem Ertrag erreichen wir eine gute Beziehung zum Holz aber ich sehe nicht die Notwendigkeit, weil – ich wiederhole es – er mir so gefällt wie er ist, auch, um ihn zu kommunizieren als Wein mit einem gewissen Tenor.

Eine Timorasso-Traube (Foto: Roberto Vaniglia)
Eine Timorasso-Traube (Foto: Roberto Vaniglia)

KW: Es gibt vier Variationen der Timorasso-Rebe, eine davon prädestiniert für den Aborto floreale (Blütenverlust). Wie Sie vorab erwähnten, ist die Begrenzung der Produktionsmenge und Belüftung sehr wichtig. Favorisieren Sie also diese Sorte mit natürlich geringer Produktion?

Massa: Wir haben vier Varianten, weil ich anfing die Stöcke aus vier verschiedenen Rebflächen zusammen zu tragen. Das Ziel war, eine Population so verschieden wie möglich zu haben, um aus allen das Beste herauszuholen. Ob man dann eine Selektion der Klone oder eine umsichtige nach Augenmaß macht, das muss jeder selbst wissen. Ich bin zufrieden mit meinen Weinbergen, so wie sie sind, und darum bemühe ich mich um eine heterogene Population, um ein so komplexes Produkt wie möglich zu erhalten. Es sind 4 Mutationen aber es ist immer Timorasso und ich unterstreiche, das Ausgangsmaterial kommt immer aus meinem eigenen Weinberg. Es war der einzige, der damals von Baumschulfacharbeitern kontrolliert wurde und so waren alle anderen gezwungen, ihre Rebstöcke von hier zu nehmen. Ich spreche von den 90er Jahren.

Timorasso als eigener Vergleichsbegriff

KW: Gibt es einen Wein auf der Welt, mit dem man den Timorasso vergleichen kann?

Massa: Nur mit dem Timorasso selbst. Sicher gibt es viele, die dazu neigen, ihn zu vergleichen. Wenn man eine schöne Frau sieht, dann fängt man auch an zu sagen, ach sie gleicht mehr Claudia Schiffer oder der Hunzinger oder Monica Bellucci. Also auch der Timorasso wird einer Sache mehr gleichen als einer anderen. Das Ziel ist, dass der Timorasso ein Vergleichsbegriff wird. und ich bin ausreichend ambitioniert, um ihn auf den ersten Platz zu heben. Der Timorasso muss ein Weltmodell werden.

Walter Massa im Gespräch mit Angelo Gaia und Massimiliano Dolci der Enoteca WineNot, Tortona (Foto: WineNot)
Walter Massa, immer streitbar, im Gespräch mit Angelo Gaia und Massimiliano Dolci der Enoteca WineNot, Tortona (Foto: WineNot)

KW: Also welcher Wein könnte sich dann an den Timorasso annähern?

Massa: Viele sprechen vom Chinin Blanc, viele von gewissen Chardonnays, viele sagen wegen seiner Komplexität mit den Weinen aus Nordeuropa. Aber es sind trotzdem verschiedenartige Eigenschaften. Ja, Noten von Butter, von Feuerstein gibt es auch woanders aber der Sauvignon ist Sauvignon, der Riesling ist Riesling und der Timorasso ist Timorasso.

KW: Wir haben nun gesehen, welche Arbeit hinter diesem Wein steht, wieviel Enthusiasmus. Zu welchen Preis kann man denn so eine Flasche erwerben?

Massa: Der Preis in einem Weingeschäft … also vor allem muss ich sagen, dass ich zwei Selektionen herstelle: einen aus der Ernte jüngerer Pflanzungen und einen aus alten Reben. Also man findet ersteren, den Derthona, im Geschäft für zirka 13,00 bis 15.00 Euro. Beim anderen, Costa del Vento, muss man noch einmal zirka 10,00 Euro drauflegen. (Anmerkung KW: Wir sprechen hier immer noch vom Jahr 2006!!! Heute sieht das schon wieder ander aus)

KW: Und wie war der Preis als Sie damals in England waren?

Massa: Da kostete er 28 Pfund im Restaurant, war aber noch günstiger ab Hof zu bekommen. Vergangene Zeiten. Das war 2000. Die Preise bilden sich in Basis von Angebot und Nachfrage. Ich verkaufte immer alles komplett und um das Produkt für die wahren Liebhaber zu reservieren, musste ich die Preise anheben.

KW: Wissen Sie denn, wer diese wahren Genießer sind?

Massa: Der Kunde, der den Timorasso kauft ist die gehobene Gastronomie. Das ist der Hauptkunde, der das Produkt schätzt. Da der Wein eben auch eine gastronomische Dimension hat, muss man letztlich schauen, in welcher Kombination er endet.

Man findet ihn auf jeden Fall in ganz Italien. Ich habe wichtige Kunden am Gardasee, in Verona, in der Toskana, in Molise, in Abruzzen, in Rom, natürlich auch im Piemont, in Mailand, in Ligurien. Meist sind das die etwas teureren Restaurants. Oft ist es doch auch so, dass diese mit dir spielen und offerieren dir ein Werbeschildchen und sie wollen dafür den Wein geschenkt haben. Das funktioniert aber bei mir nicht. Mir gelingt es immer, auf einer gesunden Geschäftsebene das Geld nach Hause zu bringen.

Timorasso-Matching

KW: Vielleicht noch ein kleiner Tipp für den Verbraucher. Womit kombiniert man den Timorasso am besten?

Ein gutes Matching zum Timorasso, der berühmte Käse Montébore, der wie eine Hochzeitstorte aussieht. (Fotos: Alexala und Katrin Walter)
Ein gutes Matching zum Timorasso, der berühmte Käse Montébore, der wie eine Hochzeitstorte aussieht. (Fotos: Alexala und Katrin Walter)

Massa: Natürlich mit der klassischen Küche des Piemont, auch mit Gerichten mit hellem Fleisch. Er passt zu ersten Gängen, also Nudelgerichte und Risotti, die reich an Aromen sind, mit Fisch von gewisser Struktur, mit dem Montébore, dem typischen Käse hier aus der Gegend, mit Gerichten auf Gemüsebasis, mit Kräutern und weißem Trüffel.

KW: Was ist das für eine Geschichte mit Leonardo da Vinci?

Massa: Dieses Hochzeitsmahl in Mailand. Wir sind ja näher an Mailand als an Turin. Man sieht, dass diese Adligen sehr an diesem Territorium hingen und zu diesem wichtigen Ereignis eben diese beiden Produkte für ihre Rolle als „Primadonna“ bei der Hochzeit von Isabella d’Aragon ausgewählt hatten.

KW: Heißt das, die Form wurde extra für diese Hochzeit geschaffen?

Massa: Ach, das ist alles Legende. Man sagt, dass die Burg von Montébore diese Form hatte. Dann war es auch ein System, um sich zu verteidigen. Bei diesen drei Förmchen machte man vielleicht die größere aus der Morgenmilch und die kleineren aus der vom Abend, denn alle hatten oft nur eine Kuh im Stall und so ist das aus der Notwenigkeit, vielleicht aus Platzmangel geboren. So entstehen eben viele Dinge aus dem Zufall oder der Not.

Die Marca Obertenga

KW: Viele Häuser hier auf dem Land sind verlassen. Ist das ein Notstand oder eine Chance für jemanden, der sich in den Landkreis Alessandria verändern wollte? Oder wollen Sie hier keine „Ausländer“?

Massa: Nein, nein, wir mögen die Menschen, die von außerhalb kommen. Das Problem ist ein anderes. Wir begrüßen den Tourismus und sind offen dafür, für den Qualitätstourismus, wir sind für Kultur- und Wirtschaftsaustausch. Wir wünschen uns, dass diese Häuser gefüllt werden. Wir wollen aber keinen „Demenztourismus“. Wir sind einfache Leute. Wir haben hier eine schöne Gegend aber einfach. Wir haben viel zu geben, wir haben nicht den Pisaturm, wir haben keine Lagune. Wir wollen besser bekannt sein aber uns fehlt eine große Sache: die Identität. Hier haben wir keine Identität. Wir hier sind nicht Monferrato, wir sind nicht Oltrepò, wir sind nicht die Langhe, wir sind nicht die ligurische Küste. Wir haben es nötig, dass unsere Politiker sich dafür einsetzten uns einen Namen zu geben, sonst wird die Gegend hier das Land von Walter Massa und das würde mich etwas stören. Das hier ist die Marca Obertenga. Ich wünschte mir, dass das jemand auf eine Landkarte schreibt. Auf allen Karte lesen wir Valtellina, Lunigiana, Garfaniana, Maremma.

Karte von Piemont und Ligurien im 10. Jh. n. Chr. eingeteilt in Marken. Die Obertenghi (Marca Obertenga) reichte von Genua bis Piacenza, das heutige produktionsgebiet des Timorasso
So präsentierten sich Piemont und Ligurien im 10. Jh. n. Chr. eingeteilt in Marken. Die Obertenghi (Marca Obertenga) reichte von Genua bis Piacenza

KW: Aber wir lesen auch Colli Tortonesi …

Massa: Ja, die gibt es, also die Langhe sind die Colline Albesi und Valpolicella sind die Colli Veronesi. Colli Tortonesi ist in Ordnung, das ist ein Name mehr. Ich bin auch der Sohn von Augustus aber ich heiße Walter. Wenn man mich manches Mal Sohn des Augustus nennt, so habe ich nichts dagegen. Aber wenn sie das immer machen, dann sage ich, ich bin niemanden Sohnes. Ich bin ich, ich bin einen Person, habe eine, meine Identität. Also es ist nötig, dass dieses Gebiet hier einen Namen hat. Es ist ein sehr großes Gebiet, umfasst die Gegend um Tortona aber auch um Novi. Denn das Monferrato endet in Casaleggio Boiro, zwischen Ovada, Gavi und Novi Ligure. Das Gavi ist Marca Obertenga. Aber wir brauchen jemanden der uns diese Identität gibt.

KW: Also was ist das faszinierende, weshalb man hierher kommen sollte? Was würden Sie sagen, sowohl aus touristischer Sicht aber auch für jemanden, der hier vielleicht arbeiten, sich niederlassen möchte?

Massa: Erstmal haben wir im Radius von 15 km drei Autobahnen. Die sind auch nicht so viel befahren, wie andere. Das scheint mir schon ein großer Vorteil. Wir haben keine Eisenbahn und Autobahn, die direkt durch unsere Täler fahren und die Ruhe stören würden. Unsere Verkehrswege sind gut befahrbar aber wenig befahren, das heißt, man kann gut reisen. Wir haben kaum LKW-Verkehr, da es keine Industrie gibt. Wir haben keine großen touristischen Anziehungspunkte, jedoch haben wir viel Natur. Wir haben eine heterogene Landwirtschaft. Wir haben eine sehr wichtige Obstproduktion wie die Pfirsiche, Äpfel, Birnen, Aprikosen, Susine und die Kirchen aus Verbania. Wir haben jede Menge Wald, viele Wälder, einen Haufen Wälder, viele aber wirklich viele … und Pilze, Kastanien und Trüffel, sowohl weiße als auch schwarze. Es werden viele alte Produkte und Rezepte heute wieder neu entdeckt, wie z. B. den Käse Montébore, als einer von vielen, auch der Timorasso. Das ist ein Punkt. Dann haben wir eine wunderbare Salami aus reinem Schweinefleisch, die keiner kennt und mit der es eine Freude ist, durch Italien zu ziehen und sie verkosten zu lassen.

KW: Aber wie kann denn jemand davon erfahren, der hier herkommt? Woher weiß ein Tourist, wo er diese Delikatessen findet? In anderen Regionen gibt es zentrale Punkte, an denen man diese Produkte erwerben kann, also ein Art repräsentativer Gourmetshop für die typischen Produkte. Wo kann sich jemand informieren?

Massa: Also dazu muss ich sagen, dass wir eine politische Klasse haben, von der ich nicht sicher bin, ob sie Ignoranten sind oder einfach nur korrupt. Ich denke eher das erste, denn ich kann mir einfach nicht vorstellen, das jemand so schlecht sein kann. Wenn einer schlecht ist, wird er wenigstens reich. Davon kann man ja hier nicht sprechen.

Wir veranstalten demnächst ein öffentliches Symposium, und ich hoffe, Sie können dabei sein. Das Thema ist „die Salami“, natürlich in Zusammenhang mit der Salami sprechen wir über alles, was mit dem Territorium zu tun hat, also man spricht auch etwas über Wein, über Montébore, über viele Dinge. Mich würde es freuen, wenn Sie diese Frage dort stellen könnten. Weil ich auf jeden Fall dort sein werde und ich würde gern Leute, wie Sie dabei haben wollen, die einen Beitrag leisten. Denn so lange ich sage, mein Wein ist gut, meine Schwester ist schön, kommen wir zu nichts.

Vor 5 Jahren wollte ich hier ein Informationsbüro einrichten, unten im Dorf, in einem Weingeschäft. Wir wollten ein Schild aufstellen „Informationsbüro“. Die Politiker haben es mir verboten.

KW: Und haben Sie dafür Gründe angegeben?

Massa: Nein. Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich wollen Sie, dass das Tal hier nicht vorwärtskommt. Oder es gibt irgend einen Millionär, der darauf wartet alles für nichts zu übernehmen.

Meiner Meinung nach müssen wir, „Handwerker“, denn am Ende produzieren wir ein Kulturgut mit unserem autochthonen Wein, dem Ministerium für Kultur unterstellt sein und nicht dem Landwirtschaftsministerium.

KW: Kommen wir doch noch einmal auf den Wein. Die Recherchen von Elisa Semino von „La Colombera“, halfen sie beim Verstehen des Timorasso?

Massa: Elisa hat die Ernte 2000 hier bei mir gemacht. Sie ist die Arbeit der Katalogisierung der Weinberge und Suche nach den Klonen eher wissenschaftlich angegangen, ich habe dies eher instinktiv getan. Am Ende kamen wir auf das gleiche Ergebnis. Denn sie hat in den verschiedenen Täler die verschiedenen Klone des Timorasso gefunden, die aber auch alle in meinen Weinbergen vorhanden waren.

KW: Was ist mit der eigenständigen DOC für den Timorasso? Heute wird er unter Colli Tortonesi DOC Bianco produziert. An welchem Punkt ist die Situation?

Massa: Wenn ich einen Freund im Ministerium hätte, wären wir schon so weit. Ich habe aber keine Lust mehr, in dieser Richtung Anstrengungen zu unternehmen. Denn ob hier DOC Derthona oder eine andere DOC steht, ändert nicht viel. Also warum soll ich meine Kräfte verschwenden? Die DOC Derthona muss als natürliche Folge kommen. Ich kann daraus keine Preiserhöhung ableiten. Es wäre einfach eine Sache, um das Territorium aufzuwerten. Wenn wir zum Beispiel nach Deutschland gingen und sagen, das ist dieser Wein, mit diesem Namen, aus diesem Territorium, dann gäbe das einen schönen Wiedererkennungseffekt und sie kommen dann nach Monleale, um Derthona zu trinken und Trüffel zu essen, wie sie auch nach Monforte gehen, um Barolo zu trinken und Trüffel zu essen. Das wäre eine kostenlose Kommunikation für das Tortonese.

Einige Flaschen Timorasso der Mitglieder des Konsortiums mit Montébore und Salami aus der Gegend (Foto: Consorzio Obertengo)
Einige Flaschen Timorasso der Mitglieder des Konsortiums mit Montébore und Salami aus der Gegend (Foto: Consorzio Obertengo)

KW: Viele benutzen diesen Namen, Derthona, als zusätzlichen Fantasienamen, um eine gewisse Wiedererkennbarkeit zu erreichen?

Massa: Ja wir versuchen dies, um den Erfolg des Gavi di Gavi zu wiederholen. Die Welt gesteht dem Gavi di Gavi etwas mehr zu als dem Gavi allein. Ich will der Welt mitteilen, dass der Derthona-Timorasso der wahre Timorasso ist. Also im Moment benutzen wir es unter uns. Wenn morgen eine kommt, der eine „Rattenfänger“-Timorasso macht, versuchen wir zu sagen, ok da macht einer Timorasso, brav aber er tut dort Cortese rein. Das sage ich nicht aber ich sage, dass auf dem echten Timorasso „Derthona“ steht. Weil Massa, Mutti, Colombera, Mariotto, Martinetti … schreiben Derthona rüber.

Gavi di Gavi hat uns gezeigt wie es geht. Noch heute kostet der Cortese in Gavi mehr als in den angrenzenden Gemeinden, auch wenn er nicht unbedingt besser ist. Wir müssen alle Strategien versuchen. Ich kenne alle Fehler der anderen und ich will sie nicht wiederholen.

KW: Und womit wollen Sie uns in der Zukunft überraschen?

Massa: Ich habe 8 ha Barbera, bald 8 ha Timorasso, 0,5 ha Moscato und der Rest sind Croatina und Freisa, aus denen ich zwei pure Weine keltere. Freisa beschäftigt mich im Moment sehr. Die Freisa-Reben müssen sehr eng gepflanzt werden und wenig Trauben produzieren, alles andere ist falsch. Ich habe sie neu und sehr eng angepflanzt und in den alten Flächen immer eine Rebe zwischen zwei alte gepflanzt. Leider produziere ich noch nicht daraus. Freisa hat kleinere Trauben als der Nebbiolo. Man sagt, dass Nebbiolo und Freisa Brüder seien. Aus Nebbiolo stellte man einmal Vivace-Wein her, so wie heute aus der Freisa-Traube. Im Moment ist auch mein Freisa vivace aber mein Ziel ist es, einen wichtigen Freisa herzustellen.

KW: Still und im Holz ausgebaut?

Massa: Schauen wir mal, wie er sich entwickelt. Auf jeden Fall still, auch wenn ich diesen „Vivace“ brauche, denn er unterhält meinen Weinkeller. Hier trinkt man ihn halt so. Im Ausland offerieren wir ihn nicht. Ich bin davon überzeugt, dass mein Freisa in ein paar Jahren eine Veränderung hervorrufen und eine neue Richtung vorgeben wird.

KW: Wir sind sehr gespannt und wünschen Ihnen viel Erfolg dabei.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Heute gibt es mittlerweile eine eigene Website für diese Rebsorte und diesen Wein

Timorasso im Glossar von Wein-Plus

Zu meinem Artikel über Timorasso – Kultur und Identität der Colli Tortonesi in Wein-Plus

 

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