Ich bin (k)eine Heldin oder was bedeutet heute eigentlich Gig Economy

Ich arbeite schon seit vielen Jahren frei von Zuhause und fühle mich ganz wohl damit, auch wenn das keine sichere Bank ist und man sich ständig aufs Neue beweisen muss. Seit einiger Zeit gibt es für diese Art des Arbeitens ohne feste Struktur auch eine Begriff: Gig Economy. Circa vor einem Jahr hat das auch die EU erkannt und Regeln für bessere Arbeitnehmerrechte aufgestellt (guck mal hier). Doch mehr als das Problem erkannt zu haben und eine Definition zu liefern, scheint mir das nicht zu sein, denn wie soll ein einzelner Gig-Worker diese Rechte durchsetzen? Und wie man auf der verlinkten Website sieht, sind dort Freiberufler gar nicht mit aufgeführt.

Coronakrise oder alles wie immer?

Ich bin Freiberuflerin und kümmere mich aus meinem Homeoffice um die italienischen Kunden eines Weinnetzwerkes, schreibe Texte und übersetze und, ganz neu, designe ich auch Strick- und Häkelsachen. Natürlich fehlen die letzten ausgefallenen Messen, auf denen man nette Menschen, Partner und Kunden trifft, doch sonst ist mein Alltag ziemlich der gleiche wie vor dem Ausbruch des Coronavirus. Außer, dass nun viele Menschen meinen, man langweile sich und senden einem ständig Rätselaufgaben zu oder Links zu lustigen aber manches Mal auch lehrreichen Videos.

Ich gebe es zu, ich habe am Anfang auch viel geklickt, geschaut, gelikt und geteilt, doch irgendwann fühlt man sich zu fremdbestimmt. Ich habe keine Langeweile. Schlimm genug, dass ich mich ab und an einmal bei meinen Recherchen fürs Schreiben und Abarbeiten der Kundenaufträge im Netz verliere … zu Vieles ist so interessant und spannend. Da kann ich nicht noch mehr Ablenkung gebrauchen.

Herausforderung Arbeiten im Homeoffice: zwischen Terminstress und Zeitmanagement (Foto: Pixabay)
Ob Gig Economy oder Krise, das Arbeiten im Homeoffice ist immer eine Herausforderung und überall lauert Ablenkung (Foto: Pixabay)

Wer angestellt ist und jetzt jammert, kennt nicht den Alltag eines Freiberuflers. Als Freiberufler lebt man ständig in der Ungewissheit, ob ein Auftrag, für den ein Angebot angefragt wurde, kommt oder nicht und wenn er kommt, wann er kommt. (Spoiler: Hoffentlich nicht gleichzeitig mit einem anderen Auftrag. Doch meist passiert genau das: entweder kein Auftrag und dann gleich zwei oder mehrere auf einmal.)

Zum Glück habe ich ein paar Stammkunden, mit denen sich reden lässt und man Termine gut abstimmen kann. Aber auch, wenn kein offizieller Auftrag da ist, ist immer irgendetwas zu tun: potentielle Neukunden ansprechen, Datenpflege, an den eigenen Seiten basteln, lesen und sich weiterbilden, … Beim Freiberufler herrscht fast immer Ausnahmezustand und so sind wir vielleicht am besten auf Krisen vorbereitet, denn wir sind mitten drin in der Gig Economy. Doch …

Was ist Gig Economy eigentlich

Gig Economy bezieht sich auf einen Teil des Arbeitsmarktes, in dem kleine Jobs kurzfristig oder manchmal sogar ohne Vorankündigung an Privatpersonen oder Freiberufler vergeben werden, die jeweils unabhängig arbeiten. Oft fungiert eine Online-Plattform als Vermittler zwischen denen, die einen Job anbieten, und denen, die ihn suchen. Sie legt die Bedingungen fest, diktiert die Regeln und behält sogar eine Provision ein.

Der Ursprung des Begriffs Gig Economy

Wer Musiker ist, kennt den Begriff, ein Gig ist ein Auftritt (umgangssprachliches Englisch für Performance), ein Engagement, meist eine Vorführung auf der Bühne, für die man bezahlt wird. Während ein Musiker von einem Auftritt zum nächsten hangelt, werden auch immer mehr Handwerker und Heimarbeiter oder sogar die Leistungen von Lehrern und Kreativen (Texter, Designer, Webentwickler und Übersetzer) heute zunehmend wie auf einem Jahrmarkt angepriesen und vermittelt. Die Gig Economy dominiert einen Teil des Arbeitsmarktes, der sich schnell ausbreitet.

In der Gig Economy (Artikel von Katrin Walter auf simplywalter.biz) braucht es Flexibilität, was durch das Foto demonstriert wird, auf dem viele Gesichter ein und derselebn Person zu sehen sind (Foto: Pixabay)
Auf dem heutigen Arbeitsmarkt musst du dich als möglichst viele Personen präsentieren, um die Bedürfnisse verschiedener Kunden zu erfüllen. (Foto: Pixabay)

Die Merkmale der Gig Economy

Die Gig Economy zeichnet sich durch ein geringeres Maß an Bindung und Verantwortung gegenüber dem Dienstleister im Vergleich zum traditionellen Arbeitsverhältnis aus. Plattformbetreiber wie Helpling, MyHammer, Uber, Airbnb, Etsy oder Lieferando verstehen sich eher als Makler und weniger als Arbeitgeber. Je nach Branche und nationaler Rechtslage werden Mini-Jobs angeboten und Dienstleister arbeiten selbständig, ohne Anspruch auf Urlaubstage oder auf Bezahlung im Krankheitsfall. Sie müssen daher auch Sozial- und andere Versicherungen selbst abschließen, und daraus folgt, dass es kaum Sicherheit gibt und kein Recht, sich an Entscheidungen zu beteiligen: Man ist nur noch Befehlsempfänger, nach dem Motto „Friss oder stirb!“

Zu den von der Gig Economy betroffenen Sektoren zählen auch die Paketzustellung und Postdienste. Zusätzlich zur Erbringung der Dienstleistung stellen die Auftragnehmer oft auch die eigenen Ressourcen zur Verfügung: Um Waren und Briefe auszuliefern, nutzen sie ihre eigenen Fahrzeuge (Autos, Roller oder Fahrräder) und ihr eigenes Mobiltelefon, ohne die sie diese Services überhaupt nicht erbringen könnten.

Fahradfahrer, vielleicht ein Kurier, der schnell durch die Stadt fährt. Illustration für den Helden-Artikel von Katrin Walter auf simplywalter.biz (Foto: Pixabay)
Gig Economy Live: Kuriere müssen oft ihr eigenes Fahrzeug mitbringen, um die Arbeit zu erledigen. (Foto: Pixabay)

Die Ökonomie der Kleinaufträge

Dies ist nichts Neues, wenn wir nur an die Landarbeiter denken, die für einen bestimmten Zeitraum jede Art von manueller Arbeit (für die es keine besonderen technischen Kenntnisse erforderte) ausführten und einen Tag oder eine Woche bezahlt wurden, wie z. B. beim Ernten von Obst, Gemüse und Getreide oder für andere außergewöhnliche Arbeiten, die innerhalb eines kurzen Zeitfensters  erledigt sein mussten. Heute, in der Coroankrise sind es unsere Helden*innen, die dafür sorgen, dass überhaupt frische Lebensmittel auf den Markt kommen.

In dieser Hinsicht bin ich keine Heldin. Das sind eindeutig die Mediziner*innen, die Krankenschwestern, Krankenpfleger und Altenpfleger*innen, die Menschen, die uns mit Lebensmitteln versorgen, die Fahrer*innen und Lieferant*innen, die Verkäufer*innen, … die sich jeden Tag der Gefahr stellen, sich das Virus einzufangen, und trotzdem weitemachen.

Im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren die sogenannten Tagelöhner weit verbreitet, als es große Grundstücke und kaum landwirtschaftliche Maschinen gab. Im Italienischen heißen sie „bracciante“, von braccio = Arm oder auch Arbeitskraft, die sie dem jeweiligen Arbeitgeber anboten, um das Land oder etwas anderes zu bearbeiten, mit der Kraft ihrer eigenen Arme eben.

Gig Economy heute

Heute – unterstützt von neuen Technologien – passiert mehr oder weniger dasselbe, wobei sich diese Art von Beschäftigung auf andere Gruppen von Arbeitnehmern ausgedehnt, die dazu auch noch mehr technisches Wissen benötigen als einst. Und obwohl es das befristete “Gig”- oder “Klick”-Arbeiten schon lange gibt, wird es in offiziellen Statistiken nicht klar definiert oder gemessen. Aus diesem Grund gibt es kaum genaue Zahlen zur Verbreitung der Gig Economy und Anzahl der Gig-Worker. Doch es gibt immer mehr Menschen, die sich außerhalb des traditionellen Systems von unbefristeten Festanstellungen bewegen und jetzt, in der Krise und vor allem danach werden es sicher noch mehr sein. Und vielleicht hat gerade auch die Flut der Anträge von Einzelpersonen für einen Corona Zuschuss gezeigt, wie weit diese Art der Arbeit doch schon verbreitet ist.

Von einem “Gig Worker” spricht man normalerweise nur in dem Fall, wenn zwischen dem Angebot und der Anfrage eine Plattform steht und es sich nicht um einen Freiberufler wie einen Architekt, Übersetzer oder Grafikdesigner handelt, die normalerweise direkt mit ihren Kunden interagieren. Doch auch hier drängen immer mehr Vermittler (zum Beispiel Textagenturen) auf den Markt, die selbst nicht kreativ sind aber sich vom Kuchen etwas abschneiden wollen.  Und es gibt sehr umstrittene Plattformen auf denen Designer ihre Ideen offen für alle offerieren sollen und der Kunde sich für einen Minibetrag etwas aussuchen darf oder einfach Ideen klaut. Seriöse Designer oder Texter verkaufen ihre Ideen normalerweise nicht auf diese Weise.

Kreative am Schreibtisch vor dem PC. Illustration für den Artikel von Katrin Walter über die Gig Economy auf simplywalter.biz (Foto: Pexels)
Auch Kreative müssen oft wie Akkordarbeiter ran und sollen dabei auch noch ständig gute Ideen produzieren. Das kann schon einmal ganz schön stressen. (Foto: Pexels)

Eine Gesellschaft auf Abruf oder Gig Economy von morgen

Die wachsende Anzahl digitaler Märkte wie zum Beispiel Helpling für Reinigungskräfte könnte erhebliche Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben, da die Plattformen eine große Gruppe von Arbeitnehmern, die Arbeit suchen, effizient mit Auftraggebern zusammenbringen können. Die Arbeitsform der Gig Economy birgt dabei ein großes Transformationspotenzial, basierend auf einer wahrscheinlich wachsenden Nachfrage nach diesen Diensten und Organisationen. Befürworter dieses Systems erwarten wirtschaftliche Vorteile wie die Zunahme der absoluten Arbeitskräfte (also mehr Menschen in Arbeit), die Stimulierung des Konsums und die Schaffung neuer Beschäftigungsmöglichkeiten.

Wir werden sehen. Zweifelsohne favorisiert so ein System auch prekäre Arbeitsverhältnisse wie einst die des Tagelöhners, bei dem die Verbindung zwischen dem Auftraggeber und Auftragnehmer sehr gering ist.

Es besteht die Überzeugung, dass die Gig Economy in einigen Jahren den traditionellen „Nine-to-Five“-Arbeitstag (der auch schon heutzutage kaum noch typisch ist) ersetzen wird. Kritiker befürchten, dass eine solche Expansion eine “Armee von Tagelöhnern” hervorbringt, während Anhänger der Gig-Economy neben dem Potenzial neuer Geschäftsmodelle, beispielsweise als Nebentätigkeit, ein hohes Maß an Flexibilität und Selbstbestimmung sehen.

Durch die aktuelle Krise ausgelöst durch COVID-19 wird sich diese Entwicklung wohl noch beschleunigen. Und dieses „Morgen“ der Zukunft ist wahrscheinlich schon ganz nah.

Der Fall Freiberufler*in

Seien wir ehrlich, Freiberufler*innen müssen diese Entwicklung weniger fürchten, weil sie schon immer unter diesen Bedingungen gearbeitet haben. Ein*e Freiberufler*in ist gut darauf vorbereitet und daran gewöhnt, von einem Job zum anderen zu wechseln, nebenbei den Alltag zu organisieren und dabei schon nach dem nächsten Auftrag zu suchen.

Der Fall Auftraggeber*in

Natürlich ist es einfacher, auf eine Plattform zu gehen, als direkt nach einem*einer Partner*in zu suchen. Dabei muss man sich als Auftraggeber*in die Frage stellen, wie tief man sich einlassen möchte und wie viel echte Expertise einem wichtig ist, zum Beispiel bei einem Grafikdesign- oder Text-Service. Möchte man da eine Lösung aus offenen Portalen, die wenig individuell und vielleicht nur abgekupfert ist, an der andere (das Portal) mitverdienen und am Ende für die eigentliche Kreativarbeit selbst weniger Kapazität übrig bleibt? Oder möchte man lieber die ganze Kreativität exklusiv für sich und eine wirklich maßgeschneiderte Lösung, um das eigene Angebot angemessen zu präsentieren und besser im Wettbewerb zu punkten?

Eine Frau fliegt mit Kraft und unwahrscheinlicher Geschwindigkeit durch den Raum als Superheldin der Gig Economy. Illustration zum Artikel von Katrin Walter auf simplywalter.biz (Foto: Pixabay)
Superheld*in Freiberufler*in: Immer auf besonderer Mission, um Kundenprobleme zu lösen. (Foto: Pixabay)

Ich bin eine Heldin!
Weil ich Gig Economy schon kann. Und weil ich gerade noch mehr Zuhause bleibe, um niemanden in Gefahr zu bringen und den noch größeren Helden*innen der heutigen Zeit das Leben nicht noch schwerer zu machen.

Was denkst du über das Thema Gig Economy? Arbeitest du schon als Gig-Worker? Hast du Angst davor oder siehst du eher Chancen?  Hinterlasse unten gern deinen Kommentar oder schreibe mir direkt an contact@simplywalter.biz.

Oder schreibe gern auch etwas zum Thema „Held*innen“ oder “Zuhause-bleiben”.


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12 Kommentare

12 Kommentare

  1. Liebe Katrin, mal wieder absolut auf den Punkt gebracht. Es macht immer wieder Spass, Deine gut recherchierten, wunderbar geschriebenen Artikel zu lesen. Als Gig-Worker kann ich vieles bestätigen. Liebe Grüße, pass auf Dich auf und schöne Ostern :)

  2. Hallo Katrin,
    es bereitet mir immer wieder Freude Deine Artikel zu lesen.
    Sie sind spannend und äußerst interessant.
    Ein Dankeschön dafür.
    Liebe Grüße und bleib gesund,
    Karin

  3. Liebe Katrin,
    ich habe noch nie darüber nachgedacht, ob ich ein Gig-Worker bin. Aber wie ich nach dem Lesen deines spannend geschriebenen Beitrags gelernt habe, bin ich es. Ich bin einfach nur schon immer mit Herz und Seele Grafik-Designer und dabei spielt es für mich keine Rolle, wo und unter welchen Umständen ich meinen Traumjob mache. Ich bin ein Freiberufler, der die meiste Zeit seines Lebens auf Abruf arbeitet und deshalb fühle ich mich auch im Moment unter den neuen Umständen arbeitstechnisch nicht sehr betroffen. Auch ich denke, unsere Art zu arbeiten wird in Zukunft wachsen. Unter den Ansätzen Flexibilität, Freiheit und Selbstbestimmung für den Einzelnen muss dies nicht unweigerlich nur Schlechtes bedeuten.
    Danke dir für diesen facettenreich beleuchteten Artikel. Offenheit für neue Sichtweisen ist nie verkehrt, und, insbesondere nach dieser Pandemie, werden für unsere Zukunft innovative Gesellschafts- und Wirtschaftsmodelle gefragt sein.
    Namasté (ich verbeuge mich vor dir)

  4. Liebe Katrin,
    dein Blogbeitrag ist hochinteressant und verständlich dargestellt. Eine Welt, die mir als nun Rentnerin und ehemals sicher Angestellte fern ist. Ich hoffe, dass du coronafrei bist und diese außergewöhnliche Zeit gut überstehst. Bis zu einem gesunden Wiedersehen
    Ute

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